Buchinger’s Essentials #4: Q10 lindert keine Falten, sondern Schreibblockaden
Sein Name erinnerte mich unweigerlich an Antifaltencreme ähm Pro-Age-Kosmetik. Doch Q10 besteht nicht aus 80% Wasser und zwei Tröpchen CoEnzymen, sondern einer schlichten, schwarzen Fullscreen-Oberfläche mit weißer Texteingabemaske. Sonst nichts. Wie das zum Slogan “designed with Writers in mind” passt, fand ich bei einem Kurztest heraus.
Textverarbeitungen haben sich über die Jahre zu beeindruckenden Funktionsmonstern entwickelt. Man kann mit ihnen (theoretisch) Serienbriefe erstellen, Romane schreiben, Webseiten produzieren, simples Grafikdesign erledigen oder Texte nach den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz auf Rechtschreib- und Grammatikfehler untersuchen lassen.
Dieser Funktionsüberschuss erschlägt zwangsweise den kreativen Schreiber, der primär seine Gedanken in Form von Konzepten, Stories oder Drehbüchern zu Papier bringen will. Wer ertappt sich nicht dabei, schon an Formatvorlagen herumzunesteln, bevor der erste Absatz geschrieben wurde? Das ist aber nur der Auftakt im Infight mit der Textverarbeitung - hier ein paar Grafiken platzieren, dort eine Schriftgröße ändern und schon sind unsere kreativen Schreibgedanken entfleucht.
Der spanische Programmierer und Autor Joaquín Bernal hat diesem Umstand ein Ende bereitet und die Textverarbeitung “Q10″ geschaffen. Das Grundprinzip von Q10 könnte “Zero Ablenkung” lauten: den Benutzer erwartet eine schwarze Oberfläche OHNE Buttons, Menüleisten, Assistenten und sonstigem Schnickschnack. Bis auf die Zeilenstatistik muss jedes Funktion per Tastenkürzel aktiviert werden. Das Erfolgsrezept ist simpel: Mehr Produktivität durch weniger Ablenkung.
Unter der Haube wartet Q10 mit einigen essentiellen Vielschreiber-Features auf: definierbare QuickTexte (aus “DDSG” + F2 wird Donaudampfschifffahrtsgesellschaft), Schreib-Timer (ideal bei nahenden Textschlüssen) sowie Rechtschreibprüfung. Praktisch ist auch das Notiz-Feature: beginnt ein Absatz mit .., gilt er als Notiz und wird in einer mit Strg + H einblendbaren Liste geführt. Auf diese Weise lassen sich schnell Textpassagen ansteuern, die noch vervollständigt werden müssen.
Mehr zu den Funktionen von Q10 erläutert mein deutscher Kollege Tim Bormann.
Q10 kann Texte ausschließlich im .txt-Format speichern - auch ein Zugeständnis an die Einfachheit. Allerdings steht einer nachträglichen Verhübschung in DTP/Textverarbeitungen nichts im Wege.
Nun zu meinem Test: ich habe diesen Post in Q10 erstellt und fühle mich durch die reduzierte Oberfläche deutlich produktiver. Ich habe dafür etwa 25 Minuten aufgewendet, im Richtext-Editor hätte ich sicher 10 Minuten mehr verbraten. Da Q10 nur im Vollbildmodus betrieben werden kann und keine Referenzfunktionen bietet (Fussnoten/Inhaltsverzeichnis), gestaltet sich die Erstellung von rechercheintensiven Texten schwieriger.
Im Bereich “Creative Writing” tummeln sich andererseits zahlreiche Spezialapplikationen wie die Drehbuchsoftware “Final Draft”, welche den Autor bei formalen und inhaltlichen Besonderheiten besser unterstützen. Q10 eignet sich aber ideal für Kurzgeschichten, Exposés, textlastige Konzepte und Spezifikationen bis 10 Seiten.
Fazit: Q10 verlangt wenig Einarbeitungszeit, steigert aber die Produktivität bei kreativen Kurztexten merklich - und das zum Nulltarif. Ein herzliches Gracias an Joaquín Bernal!
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